Der Landkreis Belgard-Schivelbein in Pommern

                                                 

 

Die Gedenkstätte auf dem Friedhof Groß Tychow

Die Einweihung der Gedenkstätte fand am 2. Juni 2004 auf dem Friedhof von Groß Tychow statt. Teilnehmer waren neben Gemeindedirektor Zuk und Gerhard Rühlow als Ansprechpartner der ehemaligen Bewohner, eine Gruppe von Groß Tychowern, sowie Bewohner von Tychowo. Begleitet wurde die Veranstaltung vom Chor aus Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Tychowo, sowie vom Orchester Con Brio aus Köslin.

           

Die zweisprachige Inschrift auf dem Stein lautet: "Gedenket der Deutschen,
die vor 1945 hier ihre letzte Ruhestätte fanden."

Gerhard Rühlow sagte in seiner Ansprache:

Sehr geehrter Herr Gemeindedirektor Zuk, liebe Einwohner von Tychowo, liebe ehemalige Groß Tychower, verehrte Gäste!

Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen; nur selten lässt es sich korrigieren.

Und wie gerne, geben wir es zu, würden wir es korrigieren, wenn wir im Nachhinein einsehen, dass etwas nicht hätte geschehen sollen.

Das lässt sich auch vor dem Hintergrund, der uns heute hier zusammenführt, feststellen.

Unterschiedliche Schicksale, unterschiedliche Erlebnisse und Erinnerungen, unterschiedliche Einstellungen zur Vergangenheit, zur Gegenwart und zur Zukunft charakterisieren die Menschen, die vor fast 60 Jahren ihre Heimat verlassen mussten.

Jeder hat seine eigene „Geschichte", die seinen Blickwinkel auf das Vergangene, seine Einstellung zur Gegenwart und seine Erwartungen für die Zukunft geprägt hat.

Jedoch denke ich, dass ich im Namen aller spreche, wenn ich dem Rat und der Verwaltung der Gemeinde Tychowo, insbesondere aber Ihnen, Herr Zuk, den Dank dafür zum Ausdruck bringe, dass wir heute diese Gedenkstätte einweihen dürfen.

Generationen Groß Tychower hatten auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden, bevor er vor etwa 40 Jahren nahezu völlig eingeebnet wurde. Das damals herrschende politische System hatte es so bestimmt; die Menschen, die hier lebten und leben, waren nicht gefragt worden. Dass jetzt wieder eine Gedenkstätte und eine Inschrift an die deutsche Vergangenheit erinnern, empfinden wir als ein Zeichen der Ehrerbietung an unsere Vorfahren, die nun symbolisch wieder zu ihrer Ruhestätte zurückgefunden haben. Wir sehen darin aber auch das wohltuende Bemühen der heute hier Verantwortlichen, angesichts der ca. 750jährigen Geschichte dieses Ortes historische Tatsachen anzuerkennen.

Von uns Groß Tychowern sind viele in den letzten Jahren, so wie in dieser Woche, zu Besuch in ihre Heimat zurückgekommen. Sie haben in den polnischen Familien herzliche Gastfreundschaft genossen und einander kennen gelernt. In der Vergangenheit entstandene und mit Vergangenem begründete Zurückhaltung und Vorurteile sind längst abgebaut. Vertrauen ist an deren Stelle getreten. Mehr noch, in einigen Fällen hat sich sogar ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt.

Für das Miteinander unserer Länder werden in Berlin, Warschau oder Brüssel bestenfalls die äußeren Bedingungen geschaffen, wird höchstens der Rahmen abgesteckt. Echte, praktizierte Völkerverständigung jedoch erleben wir dort, wo Menschen sich an der Basis begegnen, sogar bei einander wohnen, mit einander sprechen, ja auch das offen zum Thema machen dürfen, was viele Jahre die nachbarschaftlichen Beziehungen unserer Völker belastete.

So ist die Gedenkstätte, die wir heute einweihen, ein Symbol in mehrerer Hinsicht.

Sie erinnert an die Generationen Deutscher, die hier vor 1945 bestattet wurden. Aber sie drückt auch das Bemühen aus, zu einem guten Miteinander zu kommen, wie es zwischen europäischen Nachbarn eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Ich möchte an dieser Stelle lobend hervorheben, dass dieses Bemühen der Gemeinde Tychowo nicht erst einsetzte, als die Verhandlungen über den Beitritt zur Europäischen Union in ihre Endphase gingen. Ich habe dieses Bemühen um Annäherung und Kontakt zu uns ehemaligen Einwohnern schon zur Amtszeit des leider viel zu früh verstorbenen Gemeindedirektors Lukiewski verspürt.

Der Akt einer solchen Gedenkstätten-Einweihung vor dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse beinhaltet auch ein symbolisches Händereichen zweier Einwohnergruppen, der jetzigen aus Tychowo und der ehemaligen aus Groß Tychow.

Wir gehen aufeinander zu. Genau genommen, haben wir damit schon vor Jahren begonnen und werden weiterhin die Kontakte pflegen, ja sogar auszuweiten versuchen. Wir möchten auf unterer Ebene einen Beitrag dazu leisten, dass Vorurteile abgebaut werden und das Leben nachfolgender Generationen geprägt wird von einem friedlichen Miteinander benachbarter Völker. Als Angehörige einer von Krieg und Leid geprägten Erlebnisgeneration müssen wir uns im Interesse unserer Kinder und Enkel auch als Mittler sehen zwischen einer belasteten Vergangenheit und einer von friedlichem Miteinander gekennzeichneten Zukunft.

Im Namen der ehemaligen Groß Tychower danke ich nochmals dem Rat und der Verwaltung der Gemeinde Tychowo sehr herzlich dafür, dass sie den Beschluss, diese Gedenkstätte zu errichten, gefasst und in die Tat umgesetzt haben. Mein besonderer Dank gilt Ihnen, Herr Zuk, für Ihren persönlichen Einsatz.

Ich danke aber auch allen anderen, die an der Gestaltung dieser beeindruckenden Feier mitwirken und die mit dazu beigetragen haben, dass sie uns allen nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Namentlich erwähnen möchte ich das Orchester Con Brio unter der Leitung von Frau Baldys sowie den Schulchor des Gymnasiums Tychowo unter der Leitung des Direktors der Schule, Herrn Michalak. Ein besonderer Dank geht an Frau Kuzyan für ihren Beitrag, den sie als Dolmetscherin geleistet hat.

 

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Dieter Schimmelpfennig