Der Landkreis Belgard-Schivelbein in Pommern    

                                

Der Kreis Belgard sollte 1815 / 17 aufgelöst werden.

Der Staat Preußen schloß am 7. Juni 1815 einen Vertrag mit Schweden, in dem dies seinen verbliebenen Besitz in Pommern, zu dieser Zeit noch bestehend aus "Neuvorpommern (ab Peene) mit Stralsund und Rügen, an Preußen abtrat und dafür dreieinhalb Millionen Taler erhielt. Durch ein Patent vom l. Oktober 1815 entließ König Karl XIII. die Bewohner des bisherigen Schwedisch— Pommerns ihrer Pflicht gegen die Krone Schweden; am 23. Oktober 1815 erfolgte in Stralsund die Übergabe des Landes an den preußischen Bevollmächtigten, den neuen Oberpräsidenten von Pommern, von Ingersleben. Dieser nahm auch am 16. November 1815 die Erbhuldigung der dazu berufenen Landesabgeordneten entgegen. Der Sprecher der Ritterschaft, Graf von Bohlen, erklärte dabei:

"Unser unablässiqes Bestreben wird es von nun an sein, zu beweisen, daß wir auch unter einer auswärtigen Regierung nicht verlernt haben. Deutsche zu sein." 1 )

Der Staat Preußen ging nach den Befreiungskriegen tatkräftig an das große Werk, die gesamte preußische Verwaltung neu zu regeln. Unter der Oberleitung des Staatskanzlers von Hardenberg hatte der Minister des Innern, von Schuckmann, mit Hilfe des Direktors Hoffmann des statistischen Bureaus zu entscheiden. In der Verwaltungsreform von 1815/17 wurde der Staat Preußen durch königliche Kabinettsordre vom 30. April 1815 in 10 Provinzen und 25 Regierungsbezirke eingeteilt. 2)

Durch Erlaß vom 30. April 1815 wurde die Provinz Pommern mit den drei Regierungsbezirken Stettin, Köslin und Stralsund gebildet und ihr Umfang 1817/1818 festgelegt. Dabei kamen die beiden Kreise Dramburg und Schivelbein neben einigen im alten Pommern gelegenen Ortschaften, die bisher zu Brandenburg (Neumark) gehörten, ebenso wie mehrere uckermärkische Orte zu der Provinz Pommern, während wenige Dörfer zur Provinz Brandenburg gelegt wurden. Die Kreisordnung vom 17. August 1825 teilte Pommern in 26 Kreise; die Stadt Stettin bildete anfänglich einen eigenen Kreis, wurde aber 1816 mit dem Kreise Randow vereinigt, aus dem sie erst 1857 wieder ausschied. Dagegen teilte man 1845 die Kreise Lauenburg-Bütow, Köslin und Bublitz. 1)

Die Kreise Belgard und Schivelbein wurden dem Regierungsbezirk Köslin zugewiesen, doch sollte es die Aufgabe des Organisationskommissars und späteren Regierungspräsidenten Graf Dohna-Wundlaken sein, seinen Bezirk zweckmäßig zu gliedern.

Die Richtlinien, vom Kanzler und Minister aufgestellt, lauteten:

"Es ist sehr zu wünschen, daß die Kreise, was Flächenraum und geographische Lage betrifft, so gebildet werden, daß niemand leicht weiter als zwei bis drei Meilen zum Sitze der Kreisbehörde hat. Ebenso ist sehr zu wünschen, daß die Kreise in sehr bevölkerten Regegenden nicht leicht über 36.000 Einwohner enthalten, in unterbevölkerten nicht leicht unter 20.000 Menschen umfassen Doch sollten möglichst die alten Grenzen beibehalten werden."

Nach diesen Grundsätzen also sollte Graf Dohna verfahren. Anfang November 1815 traf er in Köslin ein, und schon am 13. d. M. fand die erste Sitzung mit den Landräten statt, der Kreis Belgard hatte damals 17.214 Einwohner, stand also unter der Mindestzahl; auch lag die Hauptstadt durchaus nicht in der Mitte, von der Südgrenze hatten die Insassen 40 Kilometer, von der Südostecke 35 Kilometer Weges. Landrat von Kleist nahm an der Konferenz teil:

Es wurde beschlossen:

"Redlin, dicht vor Körlin, soll an den Fürstentumschen Kreis (er umfaßte die späteren Kreise Kolberg und Köslin-Bublitz) abgegeben werden. Dafür soll Belgard erhalten: Von Westpreußen die Enklaven (vom pommerschen Land umschlossen) Groß und Klein Poplow und Brutzen, sowie vom Neustettiner Kreis die Dörfer Naseband, Villnow. Klotzen, Borntin, Paatzig und die Neustettiner Anteile von Jagertow und Kollatz (die anderen Hälften gehörten schon zu Belgard). Das ergab einen Verlust von 180 und Gewinn von 507 und 1.005 Einwohnern. Sonst sollten die Grenzen unverändert bleiben."

Dieser Vorschlag gefiel dem hohen Ministerium gar nicht (3. Dezember 1815); der zu kleine Kreis Schivelbein müsse durch die Gegend von Polzin vergrößert werden, dazu sollte auch sonst noch viel geändert werden (Zerlegung des Fürstentumschen Kreises z. B.). Graf Dohna erwiderte am 9. Dezember 1815, daß der Vorschlag vom 13. November 1815 unbrauchbar sei.

Durch die Allerhöchste Kabinettsordre an Hardenberg vom 11. Juni 1816 kam die Sache wieder in Gang. Der Konig ist einverstanden, daß die ehemals westpreußischen Enklaven Groß (und Klein) Popplow und Brutzen dem Kreis Belgard zugewiesen werden, doch ist er sonst mit dem Entwurf nicht zufrieden..." Der Konig forderte einen neuen Vorschlag. Graf Dohna, sein Regierungsdirektor von Knobelsdorf und dessen Gehilfe Rechnungsrat Seeling arbeiteten einen neuen Entwurf aus, den er den Landräten vorlegen wollte (28. Juli 1816), danach mochte es für Belgard bei dem Vorschlag vom 13. November 1815 bleiben, doch sollte es noch zur Abrundung einen Zipfel im Südosten an den neuzubildenden Kreis Bublitz abtreten. Auch im einzelnen war es eine schwere Aufgabe, die Grenze zu ziehen, denn die zusammenhängenden Besitzungen der königlichen Ämter, der Städte, der Gutsbesitzer und die Kirchspiele sollten möglichst nicht zerrissen werden.

Die Regierung stellte den Landräten ihren Vorschlag zu und lud zu einer Konferenz ein (28. September 1816). Landrat von Kleist schrieb, daß er kommen werde, teilte aber jetzt schon seine Bedenken mit (3. Oktober):

Die Abtretung an Bublitz sei kaum tragbar; der Kreis Belgard gehöre sowieso zu den kleinen der Provinz, liege aber an der großen Militärstraße, was gelegentlich eine starke Leistungsfähigkeit erfordere (der Landrat mußte für Quartiere, Lebensmittel und Futter sorgen). Der Landrat müsse dann seine eigenen Besitzungen, ja sogar seinen eigenen Wohnort an den fremden Kreis abtreten, so daß die Bedingung, daß der Landrat im Kreise ansässig sein solle, für ihn nicht mehr erfüllt sei. Am 8. Oktober 1816 schrieb dann der Prediger Walter zu Groß Tychow an die Regierung, die ganze Gemeinde bitte durch ihn, beim Belgarder Kreis verbleiben zu dürfen. Ihre Väter und ältesten Vorfahren hätten schon diesem Kreis angehort, sie fühlten sich in der Kreisstadt heimisch und wohl, und zudem hätten sie zu Landrat von Kleist, ihrem früheren Gutsherrn, besonderes Vertrauen.

Unser Landrat von Kleist bringt in einem langen Schreiben vom 15. Oktober 1816 nochmals seinen Standpunkt an Graf Dohna dar. Er schreibt:

"Er wie alle I.andräte hätten (auch unter Bezug auf die Konferenz vom 10. Oktober 1816) den Eindruck, daß Ew. Hochgeboren bei Ausführung der hoheren Vorschriften diese mit unseren pflichtschuldigen Bitten möglichst zu einigen gewillt waren." Er führt die schon am 3. Oktober angegebenen Grunde noch einmal näher aus und hebt dann hervor, daß Belgard ein Etappenplatz sei, der oft die ganze Kraft des Kreises in Anspruch genommen habe- "Ich persönlich und der hiesige Kreis haben dergleichen Erfahrungen im Jahre 1808 gemacht, wie im hiesigen Kreise ein Kavallerie-Regiment und die Artillerie einer ganzen Division zusammen gezogen wurden. Diese Truppen sollten hier für eine namhafte Zeit kantonieren und die Kreise Schlawe, Neustettin, Dramburg und Schivelbein zu deren Verpflegung beitragen. Dieser Beitrag erfolgte aber nicht so schleunig, wie die Truppen einrückten - und ich mußte, um den Bedarf zu decken, den hiesigen Kreis in Anspruch nehmen." Die Truppen seien dann plötzlich wieder abgerückt, eine Entschädigung aber habe der Kreis von keinem bekommen.

Am 6. November 1816 sandte dann die Regierung ihren neuen Entwurf an das Ministerium. Der Belgarder Kreis sollte nun nur noch wenig verkleinert werden, die Vorstellungen des Landrats (und die Eingabe aus Groß Tychow) waren doch nicht ohne Erfolg: Groß und Klein Nemrin (mit Sandhof) und Kollatz sollten von Neustettin hinzukommen (245 Einwohner), dazu die westpreußische Enklave (507 Einwohner), an Bublitz sollten nur noch abgegeben werden: Drenow, Zarnekow, Kowalk, Dimkuhlen, Warnin, Tietzow, Schmenzin, Groß und Klein Voldekow (1.184 Einwohner); der Kreis Belgard sollte danach 16.782 Einwohner haben.

Nun aber trat ein neuer Mitspieler auf den Plan: die Kreisverwaltung des Belgarder Kreises (Vertretung der Stände, vor allem des Adels) und wandte sich direkt an den Konig. Sie bittet in herzlichen Worten für die Unversehrtheit des Kreises: Ein sozusagen brüderliches Verhältnis sollte aufgelost werden, das "an den schreckensvollen Tagen, die wir verlebten, der einzige Trost und Stützpunkt der Einsassen war. Seit undenklicher Zeit vereinigt, betrachteten sich letztere zu einer Familie gehörend, und haben ganz in diesem Sinn sich unterstützt, und Einer für Alle und Alle für Einen die Mittel willig und gerne hergegeben", um die vom Kreis verlangten Leistungen zu erfüllen. "Kurz, ein Geist der Einigkeit beseelte und leitete das Ganze".

Der König gewährte sogleich die Bitte, er schrieb am 11. November 1816 aus Potsdam zurück: "Dem Gesuch der Kreisverwaltung des Belgardschen Kreises zu entsprechen, habe ich dem Staatsminister von Schuckmann aufgetragen, es bei dem bisherigen Verbande zu belassen, das vorspringende Stück also nicht, wie es die Absicht gewesen ist, dem Bublitzer Kreis zuzulegen.

Damit ist eigentlich das Ende der Reform im Belgarder Kreis, ja im ganzen Regierungsbezirk gegeben, denn drei Kreise (Fürstentum, Neustettin, Rummelsburg) folgten sogleich dem Beispiel der Belgarder. Merkwürdigerweise hielt der Minister trotz der Ordre vom 6. November 1816 an seinen scharfen Reformplänen fest: am 11. Dezember 1816 teilte er der Kösliner Regierung mit, daß er u. a. mit dem Entwurf vom 6. November 1816 einverstanden sei, doch wünscht er außer einer Aufteilung des Fürstums, eine völlige Auflösung und Aufteilung des Belgarder Kreises. Der Hauptteil des Belgarder Kreises soll zu Schivelbein geschlagen werden, der nördliche und östliche Landstrich zu Kolherg, Köslin und Bublitz; auch die Hauptstadt Belgard selbst soll zum Kreis Köslin kommen.

Die Regierung war über diesen Entwurf des Ministers sehr erstaunt, denn das Ministerium selbst hatte ihr die Kabinettsordre des Königs mitgeteilt. Die Regierung fragte also am 31. Januar 1817 an, wie die Kabinettsordre mit den Verfügungen des Ministeriums vereinigt werden sollen.

Dennoch verfolgte Graf Dohna sein Ziel beharrlich weiter und schrieb an die Landräte, daß trotz der Königlichen Ordre einige Veränderungen nützlich und nötig seien. Landrat von Kleist meldete dann am 20. Mai 1817, daß Landrat von Foller (Neustettin) wegen der Abtretung der am 13. November 1815 vorgeschlagenen fünf Orte und zwei Anteile ausweichend geantwortet habe. Redlin möchte Kleist nicht abtreten- 1. weil das Dorf bei ihm beantragt habe, bei Belgard zu bleiben, 2. weil es zum Amt Belgard - nicht Körlin- gehöre, in Belgard auch veranlagt sei und Steuern zahle und 3. weil die Radüe die natürliche Grenze bilde. Dazu sei der Belgarder Kreis ohnehin viel kleiner als der Fürstentumsche.

Jetzt schlug Graf Dohna - alle anderen Entwürfe beiseite lassend - vor, den kleinen, nur 8.000 Seelen zählenden Kreis Schivelbein mit Belgard zu vereinen (28. Juli 1817), doch der Minister schrieb zurück (15. August 1817), daß er zwar diesem begründeten Vorschlag "alle Gerechtigkeit widerfahren lasse". Da aber seine Königliche Majestät sehr geneigt sei, den Wünschen und Andringen der Einsassen in diesem Punkte nachzugeben --- und die Einsassen des Schivelbeiner Kreises sicher über ihre beabsichtigte Einziehung Beschwerde erheben würden, so kann das Ministerium des Innern es - wenigstens jetzt - nicht ratsam finden..., sondern will es vor der Hand dabei lassen, daß ... der Schivelbeinsche Kreis in Statu quo verbleibe."

Damit ist die Verwaltungsreform im Kösliner Regierungsbezirk endgültig gescheitert; nicht einmal die beiden "Kommunionen" (zu Belgard und Neustettin gehörend) Kollatz und Jagertow wurden beseitigt. Erst im Jahre 1827 sind sie ganz Belgard zugeteilt worden. Auch der Oberpräsident Pommerns, Johann August Sack, der Anerkanntes für das Land getan hatte und im Jahre 1818 seine Provinz bereiste, konnte keine Reform mehr erreichen. So blieb der Belgarder Kreis in seinen alten Grenzen. 2)

Literatur:

1) Martin Wehrmann; "Geschichte von Pommern"

Weidlich Reprints, Würzburg; Reprint der Ausgaben von 1919 und

1921

2) Dr. Gerhard Müller, Stettin: "Der Belgarder Kreis und die

Verwaltungsreform von 1815/17"

In: Aus dem Lande Belgard, 11. J., S. 81 f

Das alte Land Schivelbein hatte andere Grenzen

Wurde Schivelbein brandenburgisch durch Tausch mit Belgard ?

 

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Dieter Schimmelpfennig