Der Landkreis Belgard-Schivelbein in Pommern                 

                                

Die jüdische Gemeinde Schivelbein

Gerhard Salinger

Als sich die erste jüdische Familie nach 1700 in dem damals kleinen Ort mit nicht mehr als 500-600 Einwohnern niederließ, gehörte Schivelbein noch zur Neumark. 1717 erhielt Nathan Marcus, der Schlächter gewesen sein soll, das Privileg, dort wohnen zu dürfen. Er muß früh gestorben sein und hinterließ eine Witwe mit zwei Kindern. Der ebenfalls damals dort „vergleitete" Aron Berend erhielt 1740 eine Konzession in Küstrin.

Bei einer Einwohnerzahl von etwa 2000 werden um 1787 fünf „Schutzjuden" erwähnt, ebenso ein „Schulklepper" sowie ein Totengräber. 1794 waren es 24 Seelen. Um 1804 sollen dort acht und um 1807 sechs jüdische Familien gewohnt haben, die 1808 das Bürgerrecht erhielten. Nach 1812 stieg die Zahl. Im Jahre 1816, als Schivelbein zu Pommern kam, wohnten dort 78 Juden. Nach 1817 stieg ihr Anteil auf über 100, so daß 1821 die erste Synagoge gebaut wurde. Als sich in den folgenden Jahren die städtische Bevölkerung vergrößerte, machte der jüdische Anteil etwa vier Prozent aus. Kurz vor 1900 wohnten nahezu 400 Juden in Schivelbein; das waren ungefähr sechs Prozent der Stadtbevölkerung.

Nach 1880 bis etwa 1893 amtierte Rabbiner Rakwitz. Ihm zur Seite stand der Lehrer, Kantor und Schächter J. Groddek. Von etwa 1895 bis zum Ersten Weltkrieg war als Lehrer, Kantor und Prediger S. Saul tätig. Sein Nachfolger während der zwanziger Jahre wurde Siegfried Alexandrowitz.

Nach der Jahrhundertwende verringerte sich die Zahl der jüdischen Haushalte von etwa 70 auf 50 mit 150 Personen.

Nach 1930 war David Levy Lehrer und Kantor. Für nur kurze Zeit bestand in diesen Jahren ein Bezirksrabbinat, das um 1935 Karl Richter und nach ihm Dr. Scheuermann besetzte.

Als es 1881 in Schivelbein zu antisemitischen Krawallen kam, bei denen jüdischen Geschäften die Scheiben eingeschlagen wurden und auch Plünderungen stattfanden, griff die Regierung energisch ein und verhaftete die Rädelsführer. Nicht so 1938, als während der „Kristallnacht" jüdische Männer mißhandelt und auf dem jüdischen Friedhof die Grabsteine umgestürzt wurden. Die 1880 erbaute neue Synagoge - ein freistehendes imposantes Gebäude - ging in Flammen auf und wurde gänzlich zerstört. Dort befand sich später eine Grünanlage.

Quelle:

Gerhard Salinger, Jüdische Gemeinden in Hinterpommern, S. 64 / 65  in:

"Halte fern dem Lande jedes Verderben...", Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, herausgegeben von Margret Heitmann und Julius H. Schoeps unter Mitwirkung von Bernhard Vogt, 1995

Mit freundlicher Genehmigung des Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich, New York

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